Ein Franzose und der verrückte Holländer – Geht nicht, gibt´s nicht

„Manchmal erklärte man uns beide für verrückt“, scherzt Joop Nijland, als er aus dem Nähkästchen plaudert. Zusammen mit dem Horn-Techniker Roger Kasper heckten sie die letzten 30 Jahre Werkzeuglösungen aus, bei denen viele nur den Kopf schüttelten. Seine Expertise in kniffligen Werkzeuglösungen brachte ihm den Spitznamen „der verrückte Holländer“ ein. Eine dieser Lösungen zeigt sich bei der Fräsbearbeitung eines Rundgewindes aus dem Schiffsbau, beim Unternehmen Kooiman Marine Group aus der Nähe von Rotterdam. Das Fräsen des Gewindes mit einem Durchmesser von 400 mm und einer Steigung von 40 mm erhöhte die Fertigungsqualität und führte zu hohen Zeiteinsparungen.
In drei Jahrzehnten gemeinsamer Arbeit entwickelten Kasper und Nijland komplexe Werkzeuglösungen, die teilweise ihres Gleichen suchen. Von ersten skizzenhaften Ideen bis hin zu voll komplexen mehrstufigen Werkzeugsystemen, zeigten sie die Fähigkeit, technische Herausforderungen in praktikable Lösungen zu verwandeln. „Manchmal schüttelte man den Kopf, wenn wir unsere Ideen vorgeschlagen haben. Die Horn-Konstrukteure setzen unsere jedoch fast immer in funktionierende Werkzeuge um“, erzählt Kasper. Nijland ergänzt: „Ohne die Konstruktion bei Horn, wären unsere Ideen oft im Sande verlaufen. Sie machen einen sehr guten Job.“

Knifflige Fräsaufgabe
Nijland war in seiner aktiven Zeit als technischer Außendienstmitarbeiter für die niederländische Horn-Vertretung Harry Hersbach tätig. Kasper hingegen war sein Kontaktmann bei Horn. Er war für die technische Beratung von Frankreich und der Benelux-Länder zuständig. Eines der letzten großen Projekte war das Fräsen von Rundgewinden. Eine Drehbearbeitung war aufgrund der Bauteilgeometrie nicht möglich. Die Gewindegrößen belaufen sich auf die Steigungen 32 mm und 40 mm, bei Durchmessern von 400 mm bis 500 mm. Die Tiefe und Breite der einzelnen Gewindegänge beläuft sich auf rund 40 mm. Das Gewinde wird im späteren Einsatz stark auf Zug belastet. Dementsprechend sind die Qualitätsanforderungen hoch und die Toleranzen eng. Nijland und Kasper haben es sich zur Aufgabe gesetzt, das Gewinde in einem Schnitt zu fräsen.
„Der verrückte Holländer hat wieder eine Idee. Das war die erste Reaktion der Konstrukteure aus dem technischen Büro“, lacht Kasper. Bei näherer Betrachtung wuchs die Idee im CAD zur fertigen Werkzeuglösung. Diese stellt sich wie folgt dar: Einfach betrachtet hat der Fräser sechs Zähne beziehungsweise Schneidebenen, bei einem Durchmesser von 300 mm. Jeder dieser sechs Zähne besteht jedoch aus mehreren einzelnen Schneiden mit unterschiedlichen Schneidenprofilen. Diese ergeben im Vollschnitt das gewünschte Gewindeprofil. Horn nutzt dafür die Wendeschneidplatten der Typen S279 und 409. Die zweischneidigen Platten des Typs 279 sind in Sonderform präzisionsgeschliffen. Diese Übernehmen das Fräsen der Radien. Die Schneidplatten des Typs 409 unterstützen mit einer weiteren Schnittebene. Diese kommen aus dem Standard-Portfolio von Horn.

Hohe Fräsleistung
Aufgrund der hohen Anforderungen in die Oberflächengüte, teilte das Kooiman-Team die Bearbeitung in zwei Schnitte auf. Im Einsatz fräst das Werkzeug das Rundgewinde mit einer Schnittgeschwindigkeit von 220 m/min, mit einem Schlichtaufmaß von 2 mm. Die Schlichtbearbeitung geschieht mit einer Schnittgeschwindigkeit von 280 m/min. Die erreichbare Standzeit beläuft sich auf drei fertige Gewinde pro Schneide. Die Bearbeitungszeit beider Arbeitsgänge beläuft sich auf rund drei Stunden. Der Fräsprozess geschieht trocken. „Die Leistung des Werkzeugs hat uns voll überzeugt. Im Vergleich zum vorherigen Bearbeitungsprozess ist die erreichbare Qualität viel höher“, so der Kooiman-Produktionsleiter Lawrence Kooij.
Rundgewinde übertragen hohe Kräfte dank gleichmäßiger Kraftverteilung und präziser Schraubführung. Die zylindrische Form und kontinuierliche Gewindegänge schaffen eine größere Kontaktfläche zwischen Gewindeprofil und Nut, was Kontaktverlust senkt und Lastaufnahme verbessert. Durch das gleichmäßige Anlegen der Kräfte entlang der Gewindekontur erhöhen sich Tragfähigkeit und Steifigkeit, während Torsion und Biegebeanspruchung reduziert werden. Rundgewinde ermöglichen hohe Spindel- und Muttersteifigkeiten, geringeres Spiel und stabile Verschraubung über lange Übersetzungen. Dies stellt sich insbesondere bei Vibrationen oder sicherheitskritischen Anwendungen als Vorteil heraus.
Große Teile, große Maschinen
Wer große Teile bearbeitet, benötigt auch die entsprechenden Maschinen. Kooiman investierte vor kurzer Zeit in eine Bearbeitungszentrum von Retos. Das RETOS RET10P ist eine leistungsstarke Universal-Fräs-/Drehmaschine für die Präzisionsbearbeitung großer Bauteile. Sie kombiniert robuste Struktur, hohe Steifigkeit und moderne CNC-Technik, um komplexe Bauteile zuverlässig zu fertigen. Mit ihrem genauen Spindel-/Achssystem erreicht die Maschine präzise Wiederholgenauigkeiten. Eine hohe Spannkraft, vibrationsarme Bearbeitung sowie integrierte Werkzeugwechselsysteme minimieren die Rüstzeiten.

Reparatur und neue Schiffe
Die Kooiman Marine Group bietet ein umfassendes Leistungsportfolio entlang der gesamten Wertschöpfungskette für Schiffe und Offshore-Anlagen. Von Engineering, Konstruktion und Fertigung bis hin zu Wartung, Reparatur und Retrofit deckt das Unternehmen Kernkompetenzen wie mechanische Fertigung, Schiffsausrüstung, Antriebstechnik, Baudienstleistungen sowie Instandsetzungs- und Ersatzteil-Management ab. Ganzheitliche Lösungen umfassen Projektmanagement, Qualitäts- und Sicherheitsmanagement, logistischer Koordination sowie den Techniksupport rund um die Uhr. Kunden profitieren von maßgeschneiderten, effizienten und zuverlässigen Services, die globale Standards mit lokalen Anforderungen verbinden und nachhaltige Praktiken berücksichtigen.
Zusätzlich bietet die Gruppe integrierte Services mit Fokus auf Zuverlässigkeit, Verfügbarkeit und Optimierung der Betriebskosten. Dazu gehören umfassende Instandsetzung, Modernisierung und Retrofit von Bestandsflotten, maßgeschneiderte Wartungsverträge, Spare-Parts-Strategien sowie flexible Logistik- und Beschaffungsangebote. Durch schlanke Prozesse, Qualitätssicherung nach hohen Normen und enge Zusammenarbeit mit Kunden liefert die Kooiman Marine Group langlebige Lösungen, reduziert Ausfallzeiten und sichert operative Effizienz über den gesamten Lebenszyklus der Schiffe.

Aus Arbeit wurde Freundschaft
Aus den Jahrzenten der Zusammenarbeit entstand auch eine enge Freundschaft, die über berufliche Grenzen hinauswuchs. Gemeinsame Reisen und lange Nachbesprechungen in Hotels, schufen eine Basis aus Verlässlichkeit und Respekt. Nie gab es eine Frage, die sie nicht gemeinsam lösen konnten, nie einen Konflikt, der nicht durch offene Gespräche und eine lösungsorientierte Herangehensweise überwunden wurde. Diese Verbindung machte die Zusammenarbeit nicht nur produktiv, sondern auch erfüllend, da Freundschaft und Beruf miteinander verschmolzen. Nun treten beide gleichzeitig in den Ruhestand. „Jetzt kommen die Jungen dran, die schon motiviert in den Startlöchern stehen“, so Nijland.

Zusammenfassend zeigt die langjährige Zusammenarbeit zwischen Kasper und Nijland, wie kreative Werkzeuglösungen die Fertigungsqualität deutlich steigern können. Die gemeinsame Entwicklung des Rundgewinde-Frässystems von Horn, erreicht hohe Standzeiten sowie kurze Bearbeitungszeiten. Über drei Jahrzehnte wurden Ideen erfolgreich umgesetzt, Vertrauen aufgebaut und letztlich eine enge Freundschaft geknüpft. Nicht nur die Kooiman Marine Group profitierte von diesem Duo, sondern zahlreiche andere Kunden auch.